Unumstößlich
Es war einst meine Angewohnheit mir täglich einen Zettel zu schreiben, auf dem all das Böse stand, was ich noch zu erledigen hatte. Es half mir die unbändige Vorfreude auf das Durchstreichen eines Stichpunktes nach erledigter Tat, um schnell voran zu schreiten.
Doch mein Ehrgeiz ist erlahmt.
Ich komme aus der Schule nach Hause und esse, bevor ich ungefähr fünfzehn Minuten brauche, um mich meiner täglichen Pflicht zu stellen, die darin besteht, den Schweinen im Garten Gras zu rupfen, oder Blätter, oder so. Zurück im Haus bewege ich mich langsam nach oben, in der beständigen Hoffnung mein Schulrucksack möge in Flammen aufgehen, oder mein nicht vorhandener Hund das Geschichtsbuch zerfetzen, welches wir nie benutzen, oder aber es machte "Puff!" und alle meine Aufgaben seien erledigt. Bisher kam es jedoch zu keinem dieser Umstände.
Ich setzte mich also an den Schreibtisch. Bis ich mein Hausaufgaben- und Kalenderbüchlein aus dem Rucksack gewühlt, die zuerst zu erledigende Hausaufgabe festgelegt sowie für eben diese
die benötigten Materialien aus dem Zimmer zusammengesammelt habe, ist ja noch Zeit um mal das Radio anzuschalten.
Es kommt erst ein halbwegs gutes Lied, dann das Versprechen für eines, das mir besser gefällt, aber erst mal Nachrichten. Gut. Denke ich. Vor der Kür kommt die Pflicht. Also erstmal Nachrichten, alles was Hessen bewegt - ich lege Wert auf politische Bildung- dann das Lied.
Schließlich stell ich wieder ab. Ich beginne.
Alles liegt schon bereit. Ich beginne.
Zum Aufwärmen muss erstmal zehnmal mit dem Kugelschreiber geklackert werden,
damit ich mir die Aufgabenstellung zur besseren Motivation laut vorlesen kann.
Ich räuspere, dann: "Analyse und Interpretation." Klar und deutlich.
Einleitungssatz. Stichpunkte habe ich schon in der Schule gemacht.
Bringt mir: Gar nichts. Um das Oberthema im Einleitungssatz zu nennen muss ich die Kurzgeschichte erst noch einmal durchlesen. Für 30 Zeilen brauche ich zwölf Minuten.
Weil ich muss den Vogelschwarm beobachten, der völlig unerwartet in den Holunder rast, um von dessen Beeren zu picken. Dann ist er ganz schnell wieder weg.
Eine halbe Stunde ist vergangen und ich habe 2,5 Sätze. Weiß auch schon was in den vierten soll,
aber bis dahin brauche ich ersteinmal das Ende für den dritten.
Ich kann plötzlich den Drang meiner Blase nicht weiter aufschieben und entschließe mich dazu auf die Toillette zu gehen. Nach dem Händewaschen denke ich, ich kann ja statt weiter aus dem Wasserhahn zu schlürfen mir ein Glas holen. Das steht in der Küche.
Bin wieder oben und beobachte, wie meinem Graskopf* die Haare wachsen.
Während der ganzen Zeit sinne ich über eine mögliche Fortführung des dritten Satzes nach.
Schließlich klingelt das Telefon.
Es ist ein entfernter Verwandter, dem ich, nach einigem Gesprächsverlauf, auf die Frage, was ich denn heute noch so tun werde, mein Leid klage.
Da stellen wir fest, dass uns das selbe Problem Probleme macht.
Unser Wesen scheint zeitweilig, zwar weder von Unwille noch von Desinteresse, so doch aber von Faulheit geplagt zu sein.
Man sitzt vor diesen zu erledigenden Dingen und weiß von Beginn an nicht weiter.
Dummheit ist es nicht - es ist für Nichtbetroffene schwer zu erklären.
Man gerät jedenfalls oft ins Nachdenken. Und ich persönlich neige auch dazu in Selbstmitleid zu verfallen. Die einzige Lösung jedenfalls ist, so stellten wir fest, darüber nachzudenken woran das Ganze liegt, und wie es möglicherweise bewerkstelligt werden könnte.
Die Antwort auf die zweite Frage wiederum ist, dass einem nichts anderes bleibt, als nachzusinnen.
Als ich erkannte, dass ich nicht die Einzige bin, der diese Bürde der völligen Hilflosigkeit auferlegt ist, und dass ich eben diese auch noch mit jenem Verwandtem teilte,
da wurde mir bewusst, dass ich gar nichts dagegen tun konnte.
Es war keine schlichte Faulheit, sondern vielmehr ein mir durch meine Gene anheim gelegtes Problem, welches es zu lösen galt. Und die Lösung war, dass es eine mir durch meine Veranlagung anvertraute Eigenschaft war. Eine Tatsache also.
Tatsachen sind sachliche Dinge, die tun und sind und gegen die man folglich nichts unternehmen kann.
Ich hatte nun Gewissheit.
Diese Gewissheit beflügete mich so sehr, dass ich nach dem Telefonat meine Mathehausaufgaben in Angriff nahm. Ich griff jedoch sehr defensiv an - ich glaube das bedeutet: gar nicht-
und erkannte nach einigem Nachdenken, dass mir die Tatkraft dazu, mit völligem Unverständnis doch eine Lösung zu finden, nicht gegeben war.
Dies erkannte ich nachdem ich zur Seite gechaut hatte und an der Wand fünf Postkarten hängen sah, die ich mir genauer ansehen wollte. Ich stand auf, glaubte einige Staubkörnchen zu sehen, griff ohne lange zu überlegen nach dem Staublappen, der jede Karte einmal wischte.
Ich trat einen Schritt zurück, blinzelte, neigte meinen Kopf und dachte:
Achso. Farbfotografien. Ich erinnere mich.
* Möglicherweise werdet ihr ihn vielleicht über dieses Portal noch einmal kennen lernen.
Doch mein Ehrgeiz ist erlahmt.
Ich komme aus der Schule nach Hause und esse, bevor ich ungefähr fünfzehn Minuten brauche, um mich meiner täglichen Pflicht zu stellen, die darin besteht, den Schweinen im Garten Gras zu rupfen, oder Blätter, oder so. Zurück im Haus bewege ich mich langsam nach oben, in der beständigen Hoffnung mein Schulrucksack möge in Flammen aufgehen, oder mein nicht vorhandener Hund das Geschichtsbuch zerfetzen, welches wir nie benutzen, oder aber es machte "Puff!" und alle meine Aufgaben seien erledigt. Bisher kam es jedoch zu keinem dieser Umstände.
Ich setzte mich also an den Schreibtisch. Bis ich mein Hausaufgaben- und Kalenderbüchlein aus dem Rucksack gewühlt, die zuerst zu erledigende Hausaufgabe festgelegt sowie für eben diese
die benötigten Materialien aus dem Zimmer zusammengesammelt habe, ist ja noch Zeit um mal das Radio anzuschalten.
Es kommt erst ein halbwegs gutes Lied, dann das Versprechen für eines, das mir besser gefällt, aber erst mal Nachrichten. Gut. Denke ich. Vor der Kür kommt die Pflicht. Also erstmal Nachrichten, alles was Hessen bewegt - ich lege Wert auf politische Bildung- dann das Lied.
Schließlich stell ich wieder ab. Ich beginne.
Alles liegt schon bereit. Ich beginne.
Zum Aufwärmen muss erstmal zehnmal mit dem Kugelschreiber geklackert werden,
damit ich mir die Aufgabenstellung zur besseren Motivation laut vorlesen kann.
Ich räuspere, dann: "Analyse und Interpretation." Klar und deutlich.
Einleitungssatz. Stichpunkte habe ich schon in der Schule gemacht.
Bringt mir: Gar nichts. Um das Oberthema im Einleitungssatz zu nennen muss ich die Kurzgeschichte erst noch einmal durchlesen. Für 30 Zeilen brauche ich zwölf Minuten.
Weil ich muss den Vogelschwarm beobachten, der völlig unerwartet in den Holunder rast, um von dessen Beeren zu picken. Dann ist er ganz schnell wieder weg.
Eine halbe Stunde ist vergangen und ich habe 2,5 Sätze. Weiß auch schon was in den vierten soll,
aber bis dahin brauche ich ersteinmal das Ende für den dritten.
Ich kann plötzlich den Drang meiner Blase nicht weiter aufschieben und entschließe mich dazu auf die Toillette zu gehen. Nach dem Händewaschen denke ich, ich kann ja statt weiter aus dem Wasserhahn zu schlürfen mir ein Glas holen. Das steht in der Küche.
Bin wieder oben und beobachte, wie meinem Graskopf* die Haare wachsen.
Während der ganzen Zeit sinne ich über eine mögliche Fortführung des dritten Satzes nach.
Schließlich klingelt das Telefon.
Es ist ein entfernter Verwandter, dem ich, nach einigem Gesprächsverlauf, auf die Frage, was ich denn heute noch so tun werde, mein Leid klage.
Da stellen wir fest, dass uns das selbe Problem Probleme macht.
Unser Wesen scheint zeitweilig, zwar weder von Unwille noch von Desinteresse, so doch aber von Faulheit geplagt zu sein.
Man sitzt vor diesen zu erledigenden Dingen und weiß von Beginn an nicht weiter.
Dummheit ist es nicht - es ist für Nichtbetroffene schwer zu erklären.
Man gerät jedenfalls oft ins Nachdenken. Und ich persönlich neige auch dazu in Selbstmitleid zu verfallen. Die einzige Lösung jedenfalls ist, so stellten wir fest, darüber nachzudenken woran das Ganze liegt, und wie es möglicherweise bewerkstelligt werden könnte.
Die Antwort auf die zweite Frage wiederum ist, dass einem nichts anderes bleibt, als nachzusinnen.
Als ich erkannte, dass ich nicht die Einzige bin, der diese Bürde der völligen Hilflosigkeit auferlegt ist, und dass ich eben diese auch noch mit jenem Verwandtem teilte,
da wurde mir bewusst, dass ich gar nichts dagegen tun konnte.
Es war keine schlichte Faulheit, sondern vielmehr ein mir durch meine Gene anheim gelegtes Problem, welches es zu lösen galt. Und die Lösung war, dass es eine mir durch meine Veranlagung anvertraute Eigenschaft war. Eine Tatsache also.
Tatsachen sind sachliche Dinge, die tun und sind und gegen die man folglich nichts unternehmen kann.
Ich hatte nun Gewissheit.
Diese Gewissheit beflügete mich so sehr, dass ich nach dem Telefonat meine Mathehausaufgaben in Angriff nahm. Ich griff jedoch sehr defensiv an - ich glaube das bedeutet: gar nicht-
und erkannte nach einigem Nachdenken, dass mir die Tatkraft dazu, mit völligem Unverständnis doch eine Lösung zu finden, nicht gegeben war.
Dies erkannte ich nachdem ich zur Seite gechaut hatte und an der Wand fünf Postkarten hängen sah, die ich mir genauer ansehen wollte. Ich stand auf, glaubte einige Staubkörnchen zu sehen, griff ohne lange zu überlegen nach dem Staublappen, der jede Karte einmal wischte.
Ich trat einen Schritt zurück, blinzelte, neigte meinen Kopf und dachte:
Achso. Farbfotografien. Ich erinnere mich.
* Möglicherweise werdet ihr ihn vielleicht über dieses Portal noch einmal kennen lernen.
